|
Zur Geschichte der Kirchengemeinde Prażuchy |
Im Bereich der jetzigen Pfarrgemeinde Prażuchy liegt am Flüsschen Szwendra Kożminek, ein in der polnischen Reformations-geschichte bekannter Ort.
Seit dem Ende des 16. Jahrhunderts gehörte Kożminek den Grafen Ostroróg, die in der Folgezeit Anhänger der reformatorischen Bewegung wurden. Im
Jahre 1555 gründete hier Graf Jakob Ostroróg eine Böhmisch-brüderische Gemeinde und übergab ihr die frühere römisch-katholische
Pfarrkirche. Vom 24. August bis 2. September 1755 tagte in Kożminek die Verbrüderungssynode zwischen den böhmischen Brüdern und den Reformierten
Kleinpolens. Die Beratungen verliefen insofern erfolgreich, als es zu einem Vergleich kam, kraft dessen die Kleinpolen sich einverstanden erklärten, das
Bekenntnis und die Ordnungen der Brüder, bei gleichzeitiger Beibehaltung ihres bisherigen Kirchentums, in ihren Gemeinden einzuführen. Diese Synode war
für die weitere Entwicklung des Protestantismus in Polen von großer Bedeutung.
Die Gegenreformation ging auch an Kożminek nicht spurlos vorbei. Im Jahre 1620 löste sich hier die Gemeinde auf. Ihre Prediger waren:
Albert Serpentin:
Als röm.- katholischer Propst und Kanonikus trat er zum lutherischen Bekenntnis über, wandte sich aber später den böhmischen Brüdern zu
und war hernach Prediger in Kożminek und Lobsens; † 1570.
Johann Rokyta:
Bekannt durch seine Verhandlungen (10. und 18. Juni 1570) mit dem russischen Zaren Iwan dem Grausamen.
Walenty Kornelius:
Christoph Musonius:
Johann Musonius:
Sohn des Pfarrers und Konseniors von Liszkowo, dann Pakość und Kożminek. Christoph Musonius († 1612); studierte in Frankfurt und Basel und
wurde, nachdem er 1604 die Weihe empfangen hatte, Rektor in Lissa und polnischer Prediger. Später in Kożminek und Marszewo bei Kalisch; † 1618
in Scharfenort, wohin er sich zur Synode begeben hatte.
Schon früher, gegen Ende des 16. Jahrh. ging in Kożminek die höhere Schule ein, die für die Söhne der in der Gegend sesshaften
evangelischen Adelsfamilien bestimmt war. Auf ihren Niedergang wird das 1595 von den Jesuiten in Kalisch gegründete "Kollegium Nobilium" für die
Adelsjugend des Kalischer Landes nicht ohne Einfluss gewesen sein. Ebenso bestand um 1561 nur kurze Zeit eine Druckerei in Kożminek. Aus der großen
Vergangenheit dieses Ortes ist außer denkwürdigen geschichtlichen Erinnerungen sonst nichts übriggeblieben.
Mit der Einwanderung deutsch-evangelischer Kolonisten in die Gegend von Kożminek-Prażuchy in den 70-er Jahren des 18. Jahrhunderts wurde der
Protestantismus hier wieder bodenständig. Am 28. April 1772 erteilte Martin Stanislaus von Zaremba, Generaladjutant des "Kron-Groß-Feldherrn" den
arbeitsamen Hauländern Martin Lehmann, Friedrich Jacubzik u. a. ein Privileg, das ihnen die Ansiedlung auf den Ländereien seines Dorfes Przespolew,
"ohne einige Abgaben sieben Jahre lang", ermöglichte. Nach Ablauf der sieben Jahre sollten die Kolonisten von einer Hufe 12 Taler Zins jährlich
zahlen, dazu noch je drei Tage im Jahr Frondienste verrichten. Wie es im Privileg weiter heißt, "erlaube ich (Zaremba) ihnen eine Schule in dieser Gemeinde
zu bauen und einen Schulmeister oder Vorleser zu halten, für den ich ihnen auch erlaube, eine halbe Hufe zum freien Gebrauch ohne einige Abgaben und
Dienste abzumessen. Auch soll ihnen frei stehen, einen Ort zum Begräbnis ... zu umzäunen". An den römisch-katholischen Propst sollten
die Kolonisten (nach festgelegtem "Vergleich") bestimmte Gebühren für Amtshandlungen entrichten. Die auf den Ländereien von Przespolew gegründete
Siedlung nannte man Poroze ("Hauländerey zu Groß-Porosche", jetzt Poroze Stare und Poroze Nowe). Nach der Landtabelle vom Jahre 1798 wohnten hier damals
44 deutsch-evangelische Wirte, deren Namen waren u. a.:
|
| Kasper Weber | Georg Ceydler |
| Gottfried Gutschlink | Friedrich Lehmann |
| Bernhard Bürschel | Gottfried David |
| Jakob Jüngling | Friedrich Förster |
| Gottlieb Becker | Georg Fuhrmann |
| Michael Kurtz | Christian Ulm |
| Gottfried Franck | Georg Fechner |
| Gottfried Gutsch | Christian Schultz |
| Friedrich Beyer | Gottfried Bresch |
Das Dorf Czachulec (Schlachtholz, ein Lehnwort in schlesischer Aussprache) soll nach der Schulchronik bereits 1726 angelegt worden sein. Als erste Einwanderer
werden genannt:
|
| Johann Brauer | Matthias Franke |
| Martin Reschke | Friedrich Tomaske |
1795/96 folgten ihnen die Kolonisten
|
| Gottfried Lange | Joh. Georg Weber |
| Franz Siebert | Andreas Zeidler |
| Franz Schmidt | Martin Lehmann |
| Gottfried Flöter | Andreas Pfeifer |
| Christian Reimann | Johann Iwaniak |
| Martin Jaroszewski | Nikolaus Tzechowski |
| Friedrich Otwald | Tobias Schmidt |
Die Grundherrn des Dominiums Skarzyn, Andreas und Ignatius Zablocki, wiesen den Einwanderern ihre Grundstücke zu, desgleichen auch einen Schul- und
Friedhofsplatz. Darauf erbauten die Kolonisten eine einfache Schule, "und es fand sich unter ihnen der eine oder der andere, der die Kinder unterrichtete
und Andachten aus mitgebrachten Büchern ihnen vorlas". Bis 1795-1796 siedelten in Czachulec 27 deutsch-evangelische Wirthe, die indessen die
Feststellung machten, dass die ihnen zugeteilten Grundstücke viel zu klein waren.
Auf ihren Einspruch hin ließen die Gebr. Zablocki von Skarzyn das
Land nochmals vermessen und die Wirtschaften der Kolonisten, nachdem sie sich von der Rechtmäßigkeit ihrer Klagen überzeugt hatten,
vergrößern, wobei sie aber gleichzeitig die Wirte zu Leistungen für das Gut verpflichteten. 1780 entstanden Zakrzyn und Jaszczury. Auf den
Ländereien des Gutes Ceków wurde um 1790 Prażuchy gegründet. Im 19. Jahrhundert wurden dann bei Prażuchy die Siedlungen Celestyny,
Feliksów, Annopol und Wygoda angelegt. Die Einwanderer stammten hauptsächlich aus Schlesien, z.T. aus dem Posener Lande. Nach den Kirchenbüchern
der Wladyslawówer evangelisch-lutherischen Gemeinde bereiste von 1777 deren erster Pastor Martin August Marggraf die evangelischen Kolonien um
Prażuchy.
Nach einzelnen Hinweisen in Nebenquellen sollen sich die Kolonisten vor 1776 zum hl. Abendmahl nach Zduny (im Posenschen) gegeben haben.
So vollzog er 1777 in Poroze die Taufe eines Kindes (Marie Elisabeth Redlich), worüber er berichtet:
"Dieses Kind habe ich als das erste aus dieser Gemeinde im Poroscher Haulande selbst getauft".
Seit 1782 bediente Pastor Karl Jeremias Callmann aus Stawiszyn die Evangelischen von und um Prażuchy, indem er dreimal jährlich in Prażuchy
und zwölfmal in Kożminek Gottesdienst hielt. Da er dieser Administration wegen Schwierigkeiten mit seiner Gemeinde und den Behörden hatte,
so nahm er in den Jahren 1790/94 davon Abstand. Am 23. August 1797 entschloss sich Pastor Callmanns Nachfolger, Pastor Friedrich Heinrich Wilhelm Ernst
Jonathan Grimm, die Betreuung der sich selbst ganz überlassenen Evangelischen von Prażuchy wieder zu übernehmen.
"Trauungs-Acta vom Jahre 1800 in der Parochialkirche zu Prażuchy verrichtet bis zum Jahre 1808 d.T.Junius vom Herrn Pastor Grimm dem bereisenden
Prediger. Von da an aber vom vocirenden Prediger Siegmund Wilhelm Valentin Künzel". Von 1809-1824 wurden die Geburtsakten deutsch geführt;
von 1823 polnisch. Nach Pastor Künzels Tode († 1824) unterzeichnete vertretungsweise Kantor Schinschke die Akten.
Er beabsichtigte anfänglich, nach Prażuchy, wo er ein Filial zu gründen vorschlug, gottesdiensthalber zwölfmal jährlich zu kommen,
dagegen nach Kożminek nur dreimal. Weder die Evangelischen von Prażuchy noch die von Kożminek konnten sich mit seinem Vorschlag befreunden.
Wünschten die Ersten die Gründung einer selbstständigen Gemeinde in Prażuchy, so forderten wiederum die Andern, der Stawiszyner Pastor
solle sie mehr als dreimal jährlich besuchen. Sie weigerten sich auch, nach Prażuchy eingemeindet zu werden. Der Gegensatz zwischen beiden
Gemeinden führte sogar dahin, dass 1799 Prażuchy mit Kożminek, das man zu einem Filial erhob, wider eigenen Willen verbunden wurde. 1799
fanden in Kożminek die Gottesdienste im Rathause statt. Dort war, wie es heißt, "ein großer Saal, der sich sehr gut zu großen Versammlungen schickte,
... auch ist lutherischer Gottesdienst gehalten worden". Schon nach einem Jahre zeigte sich aber, dass das Filial infolge der ablehnenden Haltung von
Prażuchy nicht lebensfähig war. Darum fiel es der Auflösung anheim.
|
 |
 |
die Kirche in Kożminek
|
Altarraum 2003
|
 |
 |
| Kantorhaus in Kożminek |
erste Schule in Kożminek |
Im J. 1797 wirkte als Lehrer in Prażuchy Gottfried Wojt, dem die Gemeinde zwei Morgen Land zu seinem Unterhalt gab und den "vor zehn Jahren Pastor
Callmann angestellt hat". Die Zahl der Schulkinder betrug damals in Prażuchy 23. In Czachulec war 1797 Lehrer Johann Friedrich Ulrich; 17 evangelische
Kinder besuchten hier die Schule. Als Lehrer von Kożminek wird 1806 der ehem. Student der Theologie Karl Gottlob Geyer erwähnt. 1800 wohnten hier
23 evangelische Familien; schulfähige Kinder gab es 15.
Am 30. November 1799 baten die Evangelischen von und um Prażuchy die südpreußischen Behörden, ihnen die Gründung einer
selbstständigen Pfarrgemeinde und den Bau eines Gotteshauses zu gestatten. Wildegans, der damalige Besitzer von Prażuchy und Alt Ceków,
äußerte seine Bereitwilligkeit, den Kirchbau durch materielle Hilfe (Bauholz und Geld) zu unterstützen. Am 22. Juni 1800 lehnten die
Behörden die Bitte der Prazucher Evangelischen ab und teilten ihnen gleichzeitig mit, dass der Stawiszyner Pastor an katholischen Feiertagen in
Prażuchy zwölfmal und in Kożminek dreimal im Jahr Gottesdienste abhalten dürfe. Diese Entscheidung erregte große Unzufriedenheit.
Hielt man einerseits an der Absicht der Gemeindegründung fest, so wünschte man andrerseits, der Stawiszyner Pastor möchte nicht an
katholischen Feiertagen, sondern jeden vierten Sonntag im Monat nach Prażuchy kommen. Am 4. April 1804 wiederholten die Evangelischen der Prazucher
Gegend ihr Ersuchen bezüglich der Gemeindeeinrichtung und des Kirchbaues. Diesmal wurden sie vom Gutsbesitzer Christoph von Celinski aus Ceków
unterstützt, der sich um die Bildung "eines separaten evangelischen Kirchensystems für die umliegenden Hauländer" bemühte. In dem am
22. Dezember 1804 an die Behörden gerichteten Gesuch wurde er "wegen Versetzung der Stawiszyner Mutterkirche nach Ceków" vorstellig, wobei er seine
Hilfe "zur künftigen Unterhaltung des Kirchensystems" in Aussicht stellte. Pastor Grimm wandte sich entschieden gegen die Verlegung des Pfarrsitzes
von Stawiszyn nach Ceków. Auch die preußischen Behörden waren dagegen, teils weil durch die Verselbstständigung von Prażuchy die Gemeinde
Stawiszyn eine Schwächung erführe, teils auch weil ihr Celinskis Unterstützung nicht ausreichend zu sein schien. Am 16. Januar 1805
unternahm Celinski wiederum Schritte bei den Behörden. Am 21.Januar d.J. befürwortete in einem Schreiben Garczynski, der Gutsbesitzer von Kosmów,
die Errichtung einer evangelischen Kirche in Szadek. Er erbot sich, für diesen Zweck das gesamte Bauholz sowie ein jährliches Deputat zum
Unterhalt des jeweiligen Pastors zu bewilligen. Am 29. Januar 1805 und am 28. Februar d.J. wurden Garczynskis und Celinskis Anträge
behördlicherseits abgelehnt. Dies bewog die Evangelischen von Prażuchy, am 15. März nun zum dritten Male die Erreichung des von ihnen mit
heißem Bemühen erstrebten Zieles-der Begründung eines eigenen Kirchspiels-bei den Behörden zu versuchen. Am 1. Mai 1805 wurde endlich
die gewünschte Genehmigung erteilt, mit dem Hinweis, dass Prażuchy und die in seiner Nähe liegenden evangelischen Kolonien von Stawiszyn
getrennt werden. Die endgültige Loslösung geschah jedoch erst nach drei Jahren. Am 1. Mai 1808 ordnete nämlich Konsistorialrat Herzberg
aus Kalisch an:
"Ceków, Prażuchy, Przespolew, Jaszczury werden von ... Stawiszyn getrennt und zu einem eigenen Kirchspiel vereinigt".
Der 1.Mai 1808 ist somit das Gründungsdatum der Gemeinde Prażuchy.
Kożminek schloss sich der neuen Parochie nicht an, sondern blieb weiter mit Stawiszyn, später sogar mit der Gemeinde Kalisch verbunden.
Nachdem es sich fast 100 Jahre von Prażuchy fernhielt, wurde es 1907 dem Kirchspiel Prażuchy einverleibt. Im Gründungsjahr der
Parochie (1808) wurden auch Kirche und Pfarrhaus aus Holz erbaut. Gutsbesitzer Celinski schenkte den Platz zum Gotteshaus wie auch 6 Morgen
Pfarr- und 2 Morgen Kantoratsland. Er verpflichtete sich noch, dem jeweiligen Pastor ein jährliches Deputat zu geben, bestehend aus:
|
| 4 Viertel Roggen |
2 Viertel Weizen |
2 Viertel Gerste |
1 Viertel Erbsen |
1 Viertel Buchweizen |
10 Klafter Holz |
5 Tonnen Bier |
Zum Friedhof in Prażuchy schenkte Celinski 1 Morgen Land. In diesem Zusammenhang sei noch darauf hingewiesen, dass bei der Parzellierung des Gutes
Ceków die Pfarrgemeinde als Entschädigung für das früher erhaltene Deputat 14 Morgen Land zugewiesen bekam, davon 12 Morgen zur Nutznießung
des Pastors und 2 des Kantors.
Nach der äußeren Einrichtung des Gemeindewesens wurde als erster Seelsorger von Prażuchy Pastor Sigismund Wilhelm Valentin Künzel, vordem
(seit 1798) Kandidat und Informator an dem Kgl. Kadetten Institut zu Kalisch, "am 5.Juni des Jahres 1808 voziert".
Bis zu seinem Antritt wurden in den ganzen 74 standesamtlich in Prażuchy eingetragenen Taufen vollzogen; bis 1808 sind 23 Personen gestorben.
In seine Amtszeit fiel Napoleons Kriegszug gegen Russland, der auch die Gemeindeglieder in Mitleidenschaft zog. Die fremden Truppen plünderten
die Dörfer, beschlagnahmten Lebensmittel, Vieh, Geschirr u.a., so dass die Not unter der evangelischen Landbevölkerung groß war. Nach
Kriegsschluss haben sich die Kolonisten dank emsiger Arbeit und zäher Ausdauer wirtschaftlich wieder erholt. Pastor Künzel bediente
Prażuchy bis zu seinem Tode († 17. März 1824). Die Pastoren Modl aus Kalisch und Grimm aus Stawiszyn vollzogen seine Beerdigung auf dem
Prazucher Friedhof.
Noch im gleichen Jahr trat das freie Pfarramt der aus Schawoine bei Trebnitz in Schlesien gebürtige Pastor Friedrich Rüdiger an. An Stelle der
kleinen Holzkirche, die der Gemeinde 25 Jahre als Gotteshaus gedient hat, errichtete er 1833 eine massive Kirche, deren Baukosten sich auf 20.011 Zl. 25 Gr.
beliefen. Die Regierung gewährte eine Beihilfe von 5.000 Zl., die beträchtliche Restsumme bestritt die Gemeinde selbst.
Pastor Rüdiger amtierte hier gleichfalls bis zu seinem Tode († 17. Aug. 1843). Sein Nachfolger wurde 1845 der im Dorf Klein Ellguth bei Oels
beheimatete Pastor Karl Christian Jarnecki. Zu seiner Zeit wurde das hölzerne Pfarrhaus erweitert. Der Stand des religiösen Lebens war damals,
wie das aus dem Protokoll der Kirchenvisitation vom 26. Juni 1876 hervorgeht, erfreulich. So heißt es dort u.a.: "Besondere Laster herrschen (im Kirchspiel)
nicht, der Abendmahlsgenuss ist regelmäßig, Hausandachten in vielen Familien gebräuchlich, Bibeln und Andachtsbücher verbreitet,
Ehescheidungen kommen nicht vor, uneheliche Geburten etwa 5%. Außer einigen Baptisten-Familien gibt es in der Gemeinde keine Sekte".
Es sei noch angeführt, dass Privatversammlungen regelmäßig in der Gemeinde stattfanden, die sich durchaus in kirchlichen Bahnen bewegten.
Das sittliche Leben war im Allgemeinen ehrbar. Damit ist aber nicht gesagt, als ob es ganz frei von Auswüchsen gewesen wäre. Im Gegenteil. Die
Unzucht, früher durch die sogenannten Sachsengängerei gefördert, nahm leider nicht ab. Es sind jedoch Ansätze zur Besserung vorhanden.
|
 |
 |
| die Kirche 1933 |
Seitenansicht der Kirche 1933 |
Das Sektenwesen drang schon in den 70er Jahren in die Gemeinde ein. An Ausbreitung hat es aber nicht gewonnen. Nur wenige baptistische Familien fielen von
der Kirche ab. In der Zeit 1918-20 versuchte die Sekte "Albrechtsbrüder" im Kirchspiel Fuß zu fassen. Nach langjährigen Bemühungen, dabei
reichlich mit fremden Geldmitteln unterstützt, ist es ihr gelungen, 10 Familien an sich zu reißen. Weitere Erfolge hat sie trotz größter
Anstrengungen nicht zu verzeichnen. Ihr Mittelpunkt ist das Bethaus in Ceków.
Nach Pastor Jarnecki, der während der Predigt am 1. Weihnachtsfeiertage 1877 starb, bezog das verwaiste Pfarramt Pastor Edmund Herrmann Schultz.
Er renovierte die Kirche und schaffte eine Orgel an. Von Prażuchy aus administrierte er eine Zeitlang auch Sobieseki und Konin. Nach
fünfjährigem Wirken (1879-1884) übernahm er die Betreuung der Gemeinde Lublin. Seelsorger von Prażuchy wurden
1887 Pastor Adolf Schroeter, der seit 1884 von Sobieseki aus Prażuchy verwaltete; dann nach ihm seit
1894 Pastor Adolf Krempin. Letzterer erweiterte durch einen einstöckigen Anbau das Pastorat. Er führte auch den Kindergottesdienst in
Prażuchy ein. Sein Nachfolger Pastor August Gerhardt hat den Kindergottesdienst nach dem Gruppensystem geordnet, sodann einen Jünglings- und
Jungfrauenverein ins Leben gerufen. Im Jahre 1908 erbaute er in Kożminek ein neues einstöckiges Schul- und Bethaus. Für diesen Bau
verwendete man Holz und Ziegeln eines in Nakwasin bei Kożminek gelegenen Getreidespeichers, der nach mündlicher überlieferung in
früherer Zeit als arianisches Gotteshaus gedient haben soll.
Im Jahre 1901 ließ der Landwirt August Wilhelm den Glockenturm auf eigene Kosten errichten.
Seit 1912 wirkt im Kirchspiel Pastor Johann Gustav Friedenberg. Im Jahre 1913 vergrößerte er die Kirche durch einen Anbau, dessen Kosten sich auf
annähernd 7000 Rub. stellten. Im Weltkrieg 1914/18 wurde Pastor Friedenberg am 19. Mai 1915 von den deutschen
Besatzungsbehörden verhaftet,
dann am 12. Juni des Jahres vor das Kriegsgericht gestellt und zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt. Dank dem Gnadengesuch an den deutschen Kaiser wurde die
Zuchthausstrafe in Festungshaft von gleicher Dauer umgewandelt. Der Grund zur Verurteilung lag angeblich
darin, dass Pastor Friedenberg während der Okkupation die Reservisten seiner Gemeinde aufgefordert hätte, ihrer Militärpflicht als russische
Staatsbürger zu genügen. Nach fast zweijähriger Haft in den Gefängnissen Berlin-Tegel und Groß-Strelitz bei Oppeln kehrte er am 29.
April 1917 auf Fürsprache des stellv. Gen.- Sup. Pastor Gundlach aus Lodz hin in den Warschauer Konsistorialbezirk zurück. Doch erst mit
Genehmigung des General-Gouverneurs von Beseler durfte er seine pfarramtliche Tätigkeit in Prażuchy wieder aufnehmen. Während seiner
Abwesenheit wurde die Gemeinde von den Pastoren Wende und Süß betreut.
In den Jahren 1918/20 drang in die Parochie die Sekte der "Albrechtsbrüder" ein, der sich etwa 10 Familien anschlossen. Religiöser
Stützpunkt dieser Sekte war das Bethaus in Ceków. Pastor Friedenberg versuchte seinerseits, in seiner Gemeinde die Kirchenzucht einzuführen. Die
Parochialversammlung vom 6. Juni 1926 fasste sogar den Beschluss, Würfelspiel, Tanzvergnügungen u. dgl. im Kirchspiel zu untersagen. Es ist
bemerkenswert, dass sich der sittliche Zustand der Gemeinde besserte. Trunksucht, Nachleichen (Nachtbegräbnisse),Unzucht u.a. schwanden immer mehr.
Der Unbotmäßigen dagegen wurde im sonntäglichen Gottesdienst fürbittend gedacht; bei sittlichen Fehltritten den Bräuten das Tragen
der Myrtenkränze und des Schleiers verboten.
|
 |
 |
| die neue Orgel 1933 |
Altar |
Das alte Schul- und Bethaus in Czachulec, dessen Schullokal bis 1931 zugleich auch als Betsaal benutzt wurde, wird zurzeit ausschließlich für
Schulzwecke verwendet und dient gegenwärtig auch als Wohnung für den römisch-katholischen Schulleiter. Das Gebäude mit dem
Schulland ging in den Besitz der Gmina Skarzyn über. Infolgedessen entschloss sich die Kantoratsgemeinde, ein neues Bethaus zu errichten. Im
Jahre 1932 war der Bau des Bethauses (Betsaal und Kantorwohnung, bestehend aus 2 Zimmern und Küche) so weit gediehen, dass in ihm Gottesdienste
stattfinden konnten. Am 26. August 1933 wurde es in Verbindung mit der 125-jährigen Jubiläumsfeier des Kirchspiels, vom General-Superintendent
D. Bursche im Beisein der Pastoren Superintendent Wende (Kalisch), Sachs (Turek), Kersten (Stawiszyn) und Friedenberg (Prażuchy) feierlich eingeweiht.
Der Starost Boryslawski aus Turek war auch erschienen. Am gleichen Tage beging die Kantoratsgemeinde Kożminek das 25-jährige Jubiläum
ihres Bestehens und der Erbauung ihres Bethauses, an dem gleichfalls der General-Superintendent und eine Reihe von Pastoren teilgenommen haben. Im Rahmen
dieser Feier weihte Superintendent Wende die neue Kanzel ein, die von den Kantoratsmitgliedern gestiftet wurde. Am darauffolgenden Tage, dem 11. Sonntag nach
Trinitatis (27. August 1933) fanden in Prażuchy das 125-jährige Jubiläumsfest der Gemeinde und die Jahrhundertfeier der dortigen
evangelisch-lutherischen Kirche statt. Außer den vorhin erwähnten Pastoren erschienen noch: der Kalischer Starost Ostaszewski, der Kirchengesangverein
aus Kalisch, die Gesangchöre aus Prażuchy und Kożminek sowie der Posaunenchor aus Prażuchy. Aus Anlass der
Jubiläumsfeierlichkeiten wurde die Kirche von innen und außen instandgesetzt.
|
| :: Hinweis |
Die Forschungsgruppe Kalisz beschäftigt sich in diesem Projekt mit der Aufbereitung der Geschichte der Kirchengemeinden
Prażuchy und Stawiszyn, sowie mit der Dokumentation der Friedhöfe dieser beiden Gemeinden.
Über die linke Spalte können vorhandene Informationen über die Kirchengemeinden, die Friedhöfe und
die auf den Grabsteinen verzeichneten Personen abgerufen werden.
|
|
|